Das Elternheim des 21. Jahrhunderts.
Interview
ATID hat die verantwortlichen Personen für den Bau des neuen Elternheims interviewt. Wie sehen Frau Kahane, Herr Prim. Dr. Schmidt, Herr Prim. Dr. Vyssoki und Herr Direktor Missbichler das Zukunftsprojekt? Und wie werden die Probleme bewältigt?
ATID: Frau Kahane, vor Monaten haben Sie die Kultusgemeinde aufgesucht und gemeint, wenn wir schon 20 Millionen Euro für ein neues Elternheim ausgeben, warum nicht gleich etwas Erstklassiges statt etwas Zweitklassigem bauen?
Patricia Kahane: Jahrelang hat das Team des Maimonides-Zentrums überlegt, geplant und Brainstormings betrieben. Das Ziel dieser Überlegungen war zu evaluieren bzw. festzuhalten, was ein neues Elternheim können und bieten muss, sowohl für die Bewohner/innen und Mitarbeiter/innen, als auch für die Gemeindemitglieder. Wir haben sehr viel Zeit damit und dafür verbracht.
Dann wurde vorab einmal geplant, das Maimonides-Zentrum in der Bauernfeldgasse radikal umzubauen (z.B. das vordere, alte, schöne Haus mit dem großen Atrium neu zu gestalten) und gewisse Bereiche komplett abzureißen und neu zu bauen.
Um diesen Plan zu realisieren wäre es notwendig gewesen, dass sämtliche Heimbewohner, alle Mitarbeiter (bis auf das Küchenpersonal) für die nächsten zwei Jahre in ein anderes Heim ziehen müssen. In diesem Heim, welches sich am anderen Ende von Wien befindet (12. Bezirk), hätten wir, abgesehen von Zimmern für die Bewohner, keine Nebenräume bekommen!
Für die Heimbewohner/innen hätte das bedeutet, zweimal zu übersiedeln. Abgesehen davon hätte das umgebaute Maimonides-Zentrum trotzdem nicht ausreichende Therapie- und Ambulanzräume, suboptimale Zimmer und einen Gang zwischen Bauernfeldgasse und Heiligenstätter Straße mit mehr als 500 Meter Länge! Generell gesagt, waren diese Perspektiven ein ziemlicher Albtraum für alle Beteiligten.
ATID: Hr. Dr. Schmidt, Sie bekommen jetzt mehr als doppelt soviel Behandlungs- und Therapieräume als man in der Bauernfeldgasse hätte bauen können. Ist das wirklich notwendig?
Dr. Schmidt: Durch die Fortschritte der modernen Geriatrie aber auch durch Rücksichtnahme auf die persönlichen Wünsche der Heimbewohner war uns klar, dass wir mit dem derzeitigen Raumangebot nicht das Auslangen finden konnten. Es ist auch der Wunsch nach mehr Intimität bei Arztbesuchen an uns herangetragen worden. Gleichzeitig haben sich Therapiebedarf und Therapiemaßnahmen in unserem Haus in den letzten fünf Jahren mehr als verdreifacht: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Tanztherapie, Musiktherapie, Tiertherapie, etc. sind Standard in einem modernen Pflegeheim und bei betreutem Wohnen.
ATID: Hr. Dr. Vyssoki, Sie kennen die jüdische Bevölkerung und vor allem ihre sozialen Bedürfnisse wie kaum ein Anderer. Wie sehen Sie die Situation, an einem Nobelstandort im 19. Bezirk zu bleiben oder in ein außerhalb des Stadtkerns liegendes Areal in der Simon-Wiesenthal-Gasse zu übersiedeln?
Dr. Vyssoki: Ich glaube, der Standort in Döbling trifft den Geschmack des „alten Wiens“. Die Zukunft des jüdischen Wiens liegt wo anders. Der Anteil der Migranten, die nach Wien gekommen sind, wird immer größer. Dementsprechend verlagert sich auch der Mittelpunkt der jüdischen Bevölkerung. Daher gehört ein neues jüdisches Elternheim in den 2. Bezirk. Ein modernes, luxuriöses Heim hat dort viel größere Chancen, jene Menschen anzusprechen, die es tatsächlich eines Tages brauchen werden, das heißt auch die ältere Generation der bucharischen und georgischen Gemeinden, die keinen Bezug zum 19. Bezirk haben.
ATID: Frau Kahane, Sie sind Ombudsfrau und Vertreterin der Bewohner des Elternheims. Die IKG wird vereinzelt mit dem Vorwurf konfrontiert, dass wir aus einem historisch gewachsenen Bezirk, einer „wunderbaren“ Infrastruktur, in die Wüste nahe dem Praterstadion ziehen, dass derzeit die Bewohner die Möglichkeit haben in der Döblinger Hauptstrasse einkaufen zu gehen, dass es in der Simon-Wiesenthal-Gasse diese Infrastruktur nicht bzw. noch nicht gibt. Was sagen Sie dazu?
Patricia Kahane: Dieses Argument ist mir schon zu Ohren gekommen. Natürlich habe ich das Thema auch bereits mit den Heimbewohner/innen diskutiert. Tatsache ist (das wird Hr. Dr. Schmidt bestätigen), dass nur eine kleine Handvoll Heimbewohner/innen überhaupt imstande ist, alleine das Haus zu verlassen, geschweige denn die 400 Meter bis zur Döblinger Hauptstrasse zu gehen.
Soweit ich weiß und ich von der Stadtplanung gehört habe, werden in der Wehlistraße gleichzeitig mit unserem Objekt mehrere Bürobauten errichtet. Mit diesen Büros sind auch die passenden Infrastrukturmaßnahmen geplant. Man braucht nur über die Straße zu gehen und hat die Bäckerei, den Frisör, die Drogerie usw. viel näher als momentan!
Das heisst, genauso wie das Projekt in der Simon-Wiesenthal-Gasse wächst, wird die Stadt gegenüber auch weiter wachsen. Und es ist wichtig zu erwähnen, dass die U-Bahn vor der Türe stehen bleiben wird!
Ich gehe davon aus, dass innerhalb kürzester Zeit die Simon-Wiesenthal-Gasse nicht irgendwo weit draußen liegen wird (quasi am Rande der G`stättn), sondern in einer der modernsten Stadteile Wiens eingebettet sein wird. Davon gehe ich fest aus!
ATID: Hr. Dir. Missbichler, Sie sind nicht nur der Geschäftsführer der Betriebs GesmbH, Sie sind ja letztendlich auch für die kaufmännische Entwicklung dieses ganzen Projektes nach Fertigstellung verantwortlich. Worin liegt für Sie die Attraktion des neuen Standortes in der Simon-Wiesenthal-Gasse?
Hr. Missbichler: Mir war kurz nach meinem Amtsantritt klar, dass das Maimonides-Zentrum in der derzeitigen Form auf Dauer nicht fortbestehen kann. Wir haben eklatante Mängel bei den Zimmern (5-Bett-Zimmer, oft ohne Bäder), die nicht mehr zeitgemäß und mittlerweile auch behördlich verboten sind; es sind die Aufenthaltsräume überhaupt nicht standes- oder standardgemäß. Der Speisesaal ist nicht entsprechend, auch die Brandschutzvorkehrungen sind in diesem Haus keineswegs gegeben.
Sie werden aus der aktuellen Pflegedebatte auch gehört haben, dass der Bedarf an Pflegeplätzen steigt, das heißt wir werden im neuen Standort auch um 40 Betten mehr haben, die sich natürlich letztendlich auf das Betriebsergebnis positiv auswirken werden. Und wir sind mit dem jetzigen Standort und diesem schlechten Standard gegenüber der Caritas oder jedem anderen öffentlichen Heim nicht konkurrenzfähig.
Für die Zukunft sehe ich – und das ergaben viele Sitzungen – eine einzige Möglichkeit in Form eines kompletten Neubaus. Die Attraktivität liegt für mich darin, dass wir sowohl unseren Heimbewohnern als auch unseren Mitarbeitern im neuen Heim einfach jenen Standard und jene Ausstattung bieten können, welche für eine zeitgemäße Pflege und medizinisch-therapeutische Betreuung erforderlich sind.
Lange Wege und schwierige Arbeitsbedingungen gehören dann der Vergangenheit an.
ATID: Herr Dr. Vyssoki, Sie haben sich von einem neuen Projekt vieles gewünscht, was zur gesamten Umplanung des Konzeptes geführt hat. Da ist von einer Alzheimerstation die Rede, einer Memoryklinik, da spricht man von einer eigenen Station „Betreutes Wohnen“. Also alles Dinge, die wirklich auch für die IKG Neuland sind und die wir in einem Umbau, in einem teilweisen Neubau hier in der Bauernfeldgasse nicht realisieren konnten.
Dr. Vyssoki: Ich würde gerne meine Vision „ein Heim des 21. Jahrhunderts” zu bauen erklären: Wir wissen heute, dass sich die Alterspyramideverändert und der Anteil der Alzheimerpatienten weiter zunimmt. Damit Menschen mit diesen Verhaltensstörungen leben können, brauchen wir eine entsprechende Station, in der sich die Patienten wohl fühlen und den Rest ihrer Fähigkeiten, ihrer kognitiven Wahrnehmungsfähigkeiten weiterhin ausleben können. Daher ist eine Alzheimerstation eine sehr vernünftige Weiterentwicklung. Aber gleichzeitig ist es notwendig, parallel dazu eine Memoryklinik zu entwickeln mit dem Ziel, durch spezifisches Training den Fortlauf der Krankheit zu verzögern und diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, doch eine gewisse Lebensqualität zu haben. Daher ist eine Alzheimerstation ergänzt um eine Memoryklinik etwas, was dem „state of the art“ entspricht.
Zweitens, im Haus gab es aus der Situation heraus einige psychiatrische Patienten, die hier sehr gut betreut worden sind. Die Chance, die wir nun haben ist, diesen Menschen eine bessere Lebensqualität zu ermöglichen und sie optimal zu fördern. Mit dem Ziel, dass sie zwar betreut werden, aber doch das Leben selbstständiger genießen können.
ATID: Abschließend noch eine Frage an Sie, Frau Kahane. Wie viele Gegenstimmen oder Proteststimmen gegen eine Übersiedlung in den 2. Bezirk gibt es hier im Heim?
Patricia Kahane: Das kann man in dieser Schärfe nicht sagen. Nur ganz wenige Bewohner des MaimonidesZentrums können sich vorstellen, wie das in einem neuen Haus sein wird. Natürlich ist es für einen alten Menschen immer schwierig an seiner Lebenssituation etwas zu ändern und sich in neue Umstände einzufinden. Allerdings ist es ja dann so, dass die Heimbewohner/innen zusammen mit dem ihnen vertrauten Pflegepersonal, den Ärzten und der Verwaltung gemeinsam übersiedeln.
ATID: Es gibt vereinzelt negative Leserbriefe. Wie weit gibt es derzeit aus den Reihen der Bewohner Stimmen, die sagen: „Wir wollen in der Bauernfeldgasse bleiben und nicht in die Simon-Wiesenthal-Gasse übersiedeln!“
Patricia Kahane: Also ich persönlich habe es von zwei oder drei Leuten gehört. Aber wichtig ist zu erwähnen, dass es die ursprüngliche Idee war, das neue Heim irgendwo auf einer grünen Wiese zu bauen. Wir hatten ja auch Kontakte mit dem Stift Klosterneuburg wegen Grundstücken in den Weinbergen. Ehrlich gesagt wäre es ja wunderschön gewesen. Aber allein der Gedanke unsere „alten“ Leute irgendwo, weit weg zu „parken”, am Ende einer Autobuslinie, war und ist nicht im Sinne der jüdischen Gemeinde.
Vielleicht ist es wichtig an dieser Stelle festzuhalten, dass es sich bei diesem Projekt um mehr als „nur“ ein neues Elternheim handelt. Es geht um ein „Jüdisches Zentrum“. Gleichzeitig mit dem neuen Maimonides-Zentrum ist ja auch das „Hakoah Sportzentrum“ und die neue Zwi Peres Chajes Schule geplant.
Stellen Sie sich folgendes Bild vor: Die Kinder und Jugendlichen gehen zur Schule oder/und zum Sport oder/und zum Spielen in das Zentrum. Wenn die Kinder dann abgeholt werden geht man kurz noch Oma, Opa, Tante, Onkel etc. besuchen. (Natürlich ist es dann auch kein so großes Problem, wenn die Eltern sich ein wenig verspäten!)
Oder die Eltern, die die Kinder in die Schule bringen, können kurz bei ihren eigenen Eltern vorbeischauen. Es bedarf keinerlei Planung oder Terminvorbereitung. Es befindet sich alles auf einem Areal! Ich glaube schon, dass so eine Integration der Generationen für die Gemeinde einen enormen Vorteil darstellt.
Am Ende des Tages, wenn diese kleinen Proteste, Unsicherheiten und Ängste überwunden sind, wird für alle ein sehr positives Resultat herauskommen.
ATID: Ich danke Ihnen allen für das Gespräch.
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